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5-6. Sept. 2008


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Wozu eine Geschichte des Sowjetsports? Wohin mit ihr in den Wissenschaften? Wie sich ihr nähern? Körperkultur und Sport hatten bislang in der Osteuropaforschung im allgemeinen und in der Russlandforschung im besonderen keinen angestammten Platz. Das Projekt gründet hingegen auf der Überzeugung, dass beide Bereiche der Kultur Wesentliches zum Verständnis der sowjetischen Gesellschaftsgeschichte und des sowjetischen Lebensstils beitragen zu können. Sie bilden (einschließlich ihrer Vorgeschichte im späten Zarenreich) ein Schlüsselthema der Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert, weil sie auf der Schnittfläche zentraler Bezugsfelder der russischen Moderne liegen. Dies ist an den Diskursen über Technik und Naturwissenschaften, insbesondere über Biologie, Medizin und Hygienik, über Geschlechterverhältnisse und über den "Neuen Menschen" nachvollziehbar, die ein ausgeprägter Körperkult begleitet. Ebenso sind die Herausbildung neuer sozialer Hierarchien, der parallele Aufstieg von "modernem" Sport und "modernen" Medien (Massenpresse, Photographie, Film, Radio, Fernsehen) und die Trennung von Arbeitssphäre und "Freizeit" zu nennen. Entsprechend sollen an der Erforschung des Sports unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen beteiligt werden (insbesondere die Sozial-, Gesellschafts-, Politik- und Kulturgeschichte sowie die Historische Anthropologie). Es soll weder bloß um eine Geschichte des Sportsektors insgesamt oder einzelner Sportarten gehen, noch um eine Rekonstruktion sportlicher Leistungsschauen, Rekordstatistiken und ihrer politischen Instrumentalisierung. Vielmehr ist eine sozial- und kulturgeschichtliche Auseinandersetzung mit der Welt der Alltagssportler und der Athleten, der weiblichen und männlichen Akteure, der Zuschauer (des Publikums) und der Fans (fanatiki, bolel'šciki) sowie der realen und der imaginären Räume des Sportgeschehens bzw. seiner Projektionen intendiert. Das Forschungsprojekt ist einem Konzept von "modernem Sport" verpflichtet, das im Wesentlichen außerhalb der Osteuropäischen Geschichte entwickelt worden ist. Dies meint, Sportgeschichte als "Dimension der modernen Kulturgeschichte" (Christiane Eisenberg) zu begreifen und übergreifende soziale wie gesellschaftliche Kontexte einzubeziehen. Seine Regelhaftigkeit und seine Säkularität machen ihn international kommunikationsfähig und damit auch zu einem Phänomen der Außenpolitik.

Eine wesentliche Ausgangshypothese ist die vom Eigenweltcharakter des Sports als "Spiel" und als Gegenpol zur "Disziplinierung". Sie richtet das Forschungsinteresse auf das Spannungsverhältnis zwischen Affirmation und Subversion gesellschaftspolitisch modellierter Körperkonzepte (Sportkörper). Das wiederholbare sportliche Spiel ist auf eine "Bühne" orientiert, welche die Austragung von politischen, sozialen, Geschlechter- und ethnischen Konflikten in "maskierter Form" erlaubt. Sport erscheint somit als ein komplexes kulturelles Phänomen der Moderne (vergleichbar mutatis mutandis Mode, Tourismus, Jazz, Photographie, Film). Er wird einerseits zum Medium individueller und kollektiver Selbstvergewisserung, andererseits schafft er Raum für die Konfrontation von "Eigenem" und "Fremden". Für die Ambivalenz des rußländischen Sports im 20. Jahrhundert ist die frühsowjetische Körperkultur (fizkul'tura) als spezifisches Gymnastiksystem konstitutiv, insbesondere aufgrund ihrer Funktion als Träger und Medium von "Modernität".

Nikolaus Katzer