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5-6. Sept. 2008


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Monographie

[Nikolaus Katzer]

Parallel zu den thematischen Zugängen der Teilprojekte entsteht eine Monographie, die eine diachronisch angelegte Darstellung der Kulturgeschichte des sowjetischen Sports bieten wird und die Geschichte des sowjetischen Sports in sechs zeitlichen Perioden erfassen soll:




  • Spiegel – oder Wunschbild? Sportberichterstattung und Sportfotografie in den 20er und 30er Jahren

    [Sandra Budy]

    Fizkul´tura und Sport waren in der Sowjetunion ein Politikum. Als Medium des sozialen Wandels wurde der Sport von den Parteiführern als wichtiges Element beim Aufbau des Sozialismus und der Schaffung des Neuen Menschen gesehen. Fizkul´tura sollte zur Steigerung der Produktivität und Wehrfähigkeit beitragen, die Gesundheit der Bevölkerung fördern, zur sozialistischen Bewusstseinsbildung führen und - vor allem die Jugend - vor schädlichen Einflüssen schützen. In den 20er Jahren existieren verschiedene Fizkul´tura-Konzepte nebeneinander, der allgemeine Fokus lag auf dem Breitensport. In den 30er Jahren ging der Trend hin zum Leistungs- und Wettkampfsport. Auch im Breitensport wurde mit dem Fitnessprogramm GTO (Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung) Leistungsnormen eingeführt. In einem ersten Schritt werden die offiziellen Sportbilder der 20er und 30er Jahre rekonstruiert, um auf dieser Grundlage herausfinden zu können, inwieweit sich diese Bilder in der Sportberichterstattung und – fotografie wiederfinden.

    Die Medien spielten in der Sowjetunion eine zentrale Rolle als kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator. „Die gedruckte Presse ist unsere schärfste Waffe“, so Lenin. Auf diese hatte die Partei ein wachsames Auge. Traf dies auch auf den Sport zu oder war er ein „weiches Feld“ der Berichterstattung, in dem mehr Freiheiten möglich waren? Um diese Frage beantworten zu können wird die Funktion der Presse sowie die allgemeinen Rahmenbedingungen und Entwicklung der Medien in den 20er und 30er Jahren aufgezeigt. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Bildberichterstattung gelegt und auf die Besonderheiten eingegangen, die Fotografien als Quelle mit sich bringen.

    Welche Vorstellungen von Fizkul´tura und Sport wurden in Wort und Bild verbreitet? Spiegelten sie die Wirklichkeit wieder oder wurden sie durch die Medien erst konstruiert? Gab es ein einheitliche Vorstellungen oder divergierende? Waren sie beständig oder wandelten sich im Untersuchungszeitraum? Wenn ja, worin könnten die Ursachen dafür gelegen haben? Entsprachen sie dem jeweils vorherrschenden offiziellen Idealbild oder beinhalteten sie weitere Deutungsmöglichkeiten?

    Sport war in der Kunst der frühen Sowjetunion ein zentrales Motiv. In den 20er und 30er Jahren entstanden zahlreiche Gemälde und Skulpturen, auch in Metrostationen sind Sportbilder zu finden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass bekannte sowjetische Fotografen, wie Aleksander Rodčenko, häufig Sportszenen fotografierten. Zum einen ist nach den Gründen zu fragen, die dieses Motiv so beliebt werden ließen, zum andern sollen Sportfotografien bekannter und unbekannter bzw. anonymer Fotografen, die in der Presse erschienen sind, analysiert werden, um herauszufinden, welche Sportbilder mit welchen Funktionen und Absichten verbreitet wurden.

    Auch auf das Bild, das in der Presse per Wort gezeichnet wurde, soll eingegangen werden. Um eine bearbeitbare und repräsentative Auswahl zu haben, wird am Beispiel der Moskauer Spartakiade von 1928 die Berichterstattung eins sportlichen Großereignisses in den Fokus genommen, das den Sport als Massenspektakel und Leistungsschau repräsentiert. Zentrale und regionale Publikationen, Tageszeitungen und Fachpresse werden analysiert, damit ein Querschnitt der Berichterstattung erfasst wird.

    Um darüber hinaus den Mikrokosmos, die Welt des Sportes im Alltag, erfassen zu können, soll exemplarisch auch die Sportberichterstattung in einer Betriebszeitunge analysiert werden.

    Auf Grundlage der Erkenntnisse, die aus vielfältigen Quellen, auf zentraler, regionaler und lokaler Ebene zusammengetragen wurden, soll es möglich sein die gesellschaftliche Bedeutung zu erfassen, die Fizkul´tura und Sport in dieser Zeit zugedacht wurde.



    Stadionbauten in Moskau.
    Architektur – Urbane Funktionen – Lebenswelten.

    [Alexandra Köhring]

    Stadionbauten sind beispielhafte Orte moderner Volkskultur: Das Stadion kann Menschenmassen aufnehmen und als Zuschauer organisieren. Die Wettkampfstätten demonstrieren die Leistungsfähigkeit eines Landes oder einer Stadt. In der Sowjetunion war der Stadionbau ein wichtiges gesellschaftspolitisches Anliegen, er ermöglichte die Choreographie von Massenveranstaltungen und sollte den Breitensport für jedermann zugänglich machen. Schließlich diente das Stadion zunehmend der Selbstdarstellung auf der internationalen Sportbühne. In dem Forschungsprojekt sollen die gesellschaftspolitischen, sozialen und kulturellen Funktionen von sowjetischen Sportbauten am Beispiel Moskauer Stadienanlagen untersucht werden.
    Die Studie legt zwei zeitliche Schwerpunkte: Zum einen geht es um die experimentellen Denk- und Planungsmodelle in den Anfängen des sowjetischen Städtebaus. Sportanlagen boten in den 1920er Jahren für viele bekannte sowjetische Architekten ein geeignetes Objekt, ihre unterschiedlichen architekturtheoretischen Vorstellungen von der Interaktion zwischen Körper und Raum zu veranschaulichen. Bereits 1919 ging von der Führung der Roten Armee die Planung des Baus eines „Internationalen Roten Stadions“ aus, die Sportanlage sollte für internationale Massenfeste genutzt werden und der allgemeinen körperlichen Ertüchtigung der Bevölkerung dienen. An den Plänen und Entwürfen des „Internationalen Roten Stadions“ lassen sich die konkurrierenden Auffassungen funktionalistischer Raumauffassung, die wahrnehmungsphysiologischen oder milieutheoretischen Orientierungen in der Architekturtheorie und die Technikerwartungen der 1920er Jahren ablesen. Das Großprojekt des „Roten Stadions“ wurde nicht realisiert. Das Sportgeschehen in der sowjetischen Hauptstadt konzentrierte sich im 1928 errichteten Stadion der Sportgesellschaft „Dynamo“. Eine vergleichende Analyse der Planungen für das „Rote Stadion“ und des Baus des „Dynamo“-Stadions kann die Zielsetzungen und Realisierungsmöglichkeiten für eine Neustrukturierung des Lebensraums in der frühen Sowjetunion nachzeichnen.
    Zum anderen soll in dem Forschungsprojekt die Nachkriegzeit fokussiert werden, die den Eintritt der Sowjetunion in den internationalen Leistungssport markierte. Im Zentrum des zweiten Teils steht die Sport- und Freizeitanlage im Moskauer Bezirk Luzniki (1954-1956). Ausgestattet mit modernen elektrotechnischen Installationen, medialen Vermittlungstechniken und Gastronomiebetrieben, waren die Luzniki-Stadien der Inbegriff einer funktionalen Umgebung, die körperliche Bedarfe aufnahm und neue Unterhaltungs- und Konsummöglichkeiten bot. Die architekturtheoretischen Debatten der 1950er Jahre bemühten sich um eine Neuinterpretation materialistischer Bautheorie: Der Bezug auf Wahrnehmungstheorien führte zu einer Aufwertung der haptischen Raumwahrnehmung. Damit rehabilitierte der Sportkomplex in Luzniki Elemente der konstruktivistischen Bautheorie aus den 1920er Jahren.
    Mit der Studie über die drei Moskauer Stadionprojekte können Leitmotive der modernen sowjetischen Stadt erforscht werden – der Anspruch auf eine Regulierung sozialer Gefüge, die Vorstellung von einer idealtypischen Interaktion von Körper und Umgebung, die Erzeugung von Atmosphären dynamischer Lebenswelten. Der Betrieb und die Bespielung der Sportanlagen und der Umgang mit versorgungstechnischen Defiziten kann uns nicht nur Kenntnis über Grundlagen des sowjetischen Sportsystems bieten, sondern auch Aufschluss über Lebensstandards und Gewohnheiten in der Sowjetunion geben.



    Väterchen Fußball. Fankultur in der Sowjetunion, 1945-1985.

    [Manfred Zeller]

    Moskauer Umland, Sommer 1955. Gebannt saß die Familie mit ihren Gästen vor dem Schwarzweißfernseher und verfolgte das Länderspiel der sowjetischen und deutschen Fußballnationalmannschaften. Nach dem erlösenden Siegtreffer zum 3:2 kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr. Der Gastgeber umfasste mit beiden Händen den Kopf des Jungen, der mit seinen Großeltern aus Moskau zu Besuch war. Er „packte und zerrte daran“ und riss dem Jungen dabei „fast die Ohren ab.“ Doch der Junge machte sich „erst ein wenig später Sorgen um seine Ohren“ – war er doch gleichermaßen begeistert vom Sieg der sowjetischen Elf.

    Szenenwechsel. Moskau, Leninstadion, Sommer 1960. Etwa zwanzig Minuten vor Ende der Partie zwischen CSKA Moskau und Dynamo Kiew stürmten empörte Zuschauer den Platz. Gänzlich unzufrieden mit den Entscheidungen des aus ihrer Sicht parteiischen Unparteiischen begannen sie unverzüglich damit, den Schiedsrichter zu verprügeln. Sicherheitskräfte schritten ein und verhafteten einige von ihnen. Die Presse berichtete später, diese „Chuligany“ hätten nichts als ihre Liebe zum Wodka miteinander gemein.

    Die weltweite Welle der Fußballleidenschaft erfasste auch die Bevölkerung in der Sowjetunion, wo der Fußball schon in den 1930er Jahren die beliebteste Sportart war. Die beiden Episoden – Fanjubel auf der einen und Fangewalt auf der anderen Seite – handeln von sowjetischen Bürgern, die als Fußballfans auf eine Weise Dampf abließen, die uns sehr vertraut erscheint. In einem kollektivistisch verfassten Einheitsstaat wie der Sowjetunion stellten aber schon friedliche Fußballfans ein ideologisches Problem dar, da ihre Beobachterposition, ihr Wunsch unterhalten zu werden und ihre emotionalen Aufwallungen dem Idealbild des aktiven Sportlers als Inbegriff des neuen Menschen widersprachen. Schon in den 1930er Jahren konterkarierten volle Stadien die Formel vom Zuschauer, der zuschaue, um zu lernen, damit er schon bald am aktiven Sportgeschehen partizipieren könne.

    In den 1950er Jahren änderte sich das Verhältnis sowjetischer Behörden und der Presse gegenüber Fußballfans. In der Phase des „friedlichen Wettstreits“ im Kalten Krieg lenkten die Machthaber ihre Aufmerksamkeit stärker als zuvor auf die Konsumbedürfnisse der Bevölkerung und entschlossen sich unter anderem, den chaotischen und überschwänglichen Jubel von Fußballfans als legitimes Anliegen zu deuten. Die entsprechenden Darstellungen in der Presse wurden gleichzeitig dazu genutzt, die Ideale sowjetischer Kultiviertheit und rationaler Objektivität in der Fankultur im Stadion verwirklicht zu sehen, dessen Ordnung nur von einigen wenigen Kriminellen, wie etwa den beschriebenen „Chuligany“ bedroht sei.

    Wie sahen sich aber Fußballfans selbst vor und nach diesem Übergang? War Fankultur für sie etwas, womit sie die sowjetischen Normen erfüllten oder bewegten sie sich als Fans außerhalb von diesen? Oder irgendetwas dazwischen? Grenzten sie sich von den Fans anderer Nationalitäten ab oder ergaben sich transnationale Identifikationen, welche die Ausschließlichkeit nationaler Essentialismen im multinationalen Imperium zu überwinden halfen? Oder beides? Half Fankultur dabei, die jüngere von der älteren Generation, oder die männliche von der weiblichen Bevölkerungshälfte abzugrenzen? Oder verband die Fußballleidenschaft im jeweiligen Fall? Oder alles auf einmal? Welche Bedeutung hatte die organisatorische Zuordnung der Vereine, die dem Innenministerium (Dynamo), der Armee (CSKA) oder dem Moskauer Automobilwerk (Torpedo) unterstanden, gerade im Gegensatz zur relativen Autonomie Spartak Moskaus für die Identifikationsstrategien von Fußballfans?

    Die Dissertation geht von der Hypothese aus, dass sich die Einstellungen von Fußballfans durch neue Medien und in erster Linie als Resultat der breiteren Rezeption von Fernsehübertragungen deutlich wandelten. Letztere transformierten den Fußballsport in den 1960er Jahren zu einem Medienereignis transnationaler Populärkultur, an der breite Bevölkerungsschichten partizipierten. Interviews und Fanpost offenbaren dabei Bruchlinien zwischen Zentrum und Peripherie ebenso, wie zwischen verschiedenen Regionen und Nationalitäten.

    In den 1960er und 1970er Jahren zeigten Fernsehen und Presse auch Bilder westlicher Fankultur. Im Laufe der 1970er Jahre begannen einzelne Jugendliche in Moskau, diese westlichen Vorbilder zu imitieren: Rot-weiße Schals und Mützen für Spartak Moskau bildeten die Geburtsstunde der bald berüchtigten „fanatischen“ Fans. Als Reaktion formierten sich andere Moskauer Fangruppen, die sich in der Metro, in den Höfen und auf der Straße mit den Fäusten oder symbolisch mit Graffiti bekämpften. Zu Beginn der 1980er Jahre entstanden auch in anderen Städten der Sowjetunion fanatische Fankulturen. Von Moskau aus hatte eine erneute Transformation sowjetischer Fankultur begonnen, bei der sich die Frage der staatlichen und gesellschaftlichen Akzeptanz von Fanenthusiasmus und Fangewalt wieder von Neuem stellte.



    Eine Schule des „Neuen Menschen"? Körperkultur, Sport, Hygiene und Medizin in der Roten Armee der 1920er und 1930er Jahre

    [Peter Kusnezoff]

    Die Arbeit fragt nach den Wechselbeziehungen zwischen Armee, Sport, Sozialhygiene und Medizin in den 1920er und 1930er Jahren. Die Untersuchung erfolgt auf vier Ebenen: 1. Theoretische Überlegungen zu Körperkultur und Sport in der bolschewistischen Elite. Dabei sollen Sprache, Terminologie und Metaphern auf ihre Bezüge zu den Konzepten gesellschaftlicher Transformation und des „Neuen Menschen" mit ihren sozialhygienischen und medizinischen Implikationen hin untersucht werden. 2. Die zentralen Weisungen des ZK der RKP (b), die Direktiven des Verteidigungsministeriums und das Konvolut von Militärvorschriften. Dabei soll nach der Umsetzung der Theorien in den Anleitungen für die Praxis gefragt werden. Wurden zu diesem Zweck auch sportwissenschaftliche Untersuchungen eingeleitet? 3. Fallstudie am Beispiel eines Regiments, das in den 1920er und 1930er Jahren Bestand hatte. Vor allem soll die Durchführung und Anwendung der zentralen Weisungen in verschiedenen Sportpraktiken beleuchtet werden. Hier geht es um die konkrete Ausübung des Armeesports im militärischen Alltag. Grundlage für diesen Teil der Untersuchung sind Regimentsakten, interne Berichte, svodki der Behörden sowie die Militärpresse. 4. Erzählende Quellen von sowjetischen Militärs, die ihre Laufbahn im Ersten Weltkrieg und im Bürgerkrieg begannen. Ihre individuelle Wahrnehmungsebene kann die Bedeutung des Sports in der Roten Armee ergänzend deutlich machen.
    Die genannten Untersuchungsfelder werden unter folgenden Leitfragen betrachtet: War der Sport in den Streitkräften - ähnlich den Alphabetisierungsbemühungen - als ein wesentliches Mittel konzipiert, die Sowjetgesellschaft zu gestalten? Welche Körperkulturströmung setzte sich in der Roten Armee durch? Inwiefern sollten durch neue und modernisierte Formen der Körperertüchtigung überkommene Kennzeichen von „Schwäche" oder „Krankheit" in Armee und Gesellschaft bekämpft und ein „Neuer Mensch" sozialistischen Typs geformt werden?