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5-6. Sept. 2008


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Die Suche nach dem sozialistischen Sport


1918 7. Mai Dekret des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten über Organisation und Programm einer allgemeinen paramilitärischen Ausbildung (russische Abkürzung: Vsevobuč)
1919 Oktober Gründung des Staatlichen Instituts für körperliche Ausbildung „P. S. Lesgaft“ in Petrograd
1920 31. Januar Gründung der militärischen Hochschule für Körpererziehung der Werktätigen
Juli und Oktober „Vorolympiaden“ in Gestalt von Massenfestivals für Sport und Körperkultur Oktober in den Städten Moskau, Omsk, Taschkent und Ekaterinburg sie aus gesundheitlichen Gründen ab.
1. Dezember Gründung des Staatlichen Instituts für Körperkultur als wissenschaftliche Einrichtung des Volkskommissariats für Gesundheitswesen (später: Staatliches Zentralinstitut für Körperkultur)
1921 Juni Gründung der Roten Sportinternationale (RSI) in Moskau als Gegenstück zur sozialistischen Sportinternationale (LSI) in Luzern (gegründet 1920, umbenannt 1927 in Sozialistische Arbeitersport-Internationale)
1923 24. Juni Gründung der Sportvereinigung „Dynamo“ für die Angehörigen der Staatssicherheitsdienste
27. Juli Bildung des Obersten Rates für Körperkultur beim Zentralen Exekutivkomitee der Sowjets der RSFSR
1.-16. September Erste Allunionsfeiertage für Körperkultur in Moskau
1925 13. Juli „Über Aufgaben der Partei in der Körperkultur“ Resolution des ZK der Kommunistischen Partei zu den Prinzipien sowjetischer Sportpolitik
1928 12.-23. August Erste Internationale Arbeiter-Spartakiade in Moskau als August Gegenveranstaltung zu den Olympischen Sommerspielen 1928 in Amsterdam und zu den Arbeitersport-Olympiaden der SASI (Sozialistische Arbeitersport-Internationale)





Max Penson



Hygienisten

Die frühe Phase der sowjetischen Körperkultur (fizkul'tura) dominierte die Hygienebewegung, der in erster Linie Vertreter des medizinischen Bereichs angehörten. Ihr oberstes Ziel war die Verbesserung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung: Hygiene, ein gesunder Lebenswandel und die Ausführung harmonischer Bewegungen sollten zu einem körperlich gesunden, ausgeglichenen und leistungsstarken Menschen führen. Sie standen dem Wettkampfsport kritisch gegenüber, da er negative Eigenschaften wie den Individualismus fördere. Auch einige populäre Sportarten, wie den Fußball, lehnten sie aus gesundheitlichen Gründen ab. Zu den Anhängern dieser Richtung zählten Nikolaj Semaško, der Volkskommissar für Gesundheit und erster Vorsitzende des Rats für Körperkultur (gegr. 1923), und A. Zikmund, der Leiter des Moskauer Staatlichen Instituts für Körperkultur (gegr. 1920).

Gustav Klucis

VSEVOBUČ – Allgemeine militärische Unterweisung

In der Zeit des Bürgerkrieges (1917-21) war die Sportbewegung militärisch ausgerichtet. Ziel war es, vor allem jungen Männer auf den Kampf vorzubereiten. Die 1918 gegründete Organisationsbehörde Vsevobuč (Vseobščee voennoe obučenie – Allgemeine militärische Unterweisung) lag im Verantwortungsbereich des Militärs. Den Wandel in der Friedenszeit markierte die Auflösung des Vsevobuč 1923. Im Zweiten Weltkrieg wurde diese Institution wieder eingerichtet.

Sport in den Sowjetrepubliken

Im Vielvölkerstaat Sowjetunion verband sich mit dem Sport die Hoffnung, eine Integration der unterschiedlichen Ethnien und Nationalitäten in das Projekt des "Sowjetvolks" fördern zu können. Der Sport schien dazu geeignet, durch Identifikations- und Aufstiegsangebote eine heterogene Bevölkerung zur Aneignung der Sowjetunion und einer neuen sowjetischen Lebensweise zu bewegen. Durch die Exponierung von Sportler-"Helden" ließen sich die Angebote des Regimes auf einer emotionalen Ebene an die Bevölkerung transportieren. Eine ähnliche Funktion wurde auch der öffentlichen Präsentation des Freizeitsports beigemessen. Seit 1937 nahmen regelmäßig Delegationen aus den Sowjetrepubliken an den Sport- und Körperkulturparaden in Moskau teil.



Das heroische Jahrzehnt


1928 1. Oktober Einführung der „Produktionsgymnastik“ am Arbeitsplatz mit dem Anlaufen des Ersten Fünfjahreplans
1930 3. April Einsetzung des Allunionsrats für Körperkultur als zentrale staatliche Behörde für die Organisation der Körperkultur und des Sports. Durchsetzung des Produktionsprinzips als Organisationsprinzip für sämtliche Sportgruppen und Sportzirkel
1931 März Einführung des sportlichen Ertüchtigungsprogramms „Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung der Sowjetunion“ (GTO)
5. August Premiere der alljährlichen Sportparade auf dem Roten Platz
1934 27. Mai Einführung des Titels „Verdienter Meister des Sports“
19. April Gründung der ersten freiwilligen Sportvereinigung „Sportale“ unter der Schirmherrschaft der Gewerkschaften (bis 1938 entstehen knapp hundert Filialvereinigungen)
1936 21. Juni Ablösung des Allunionsrates für Körperkultur durch das Allunionskomitee für Körperkultur und Sport und Zuordnung zum Rat der Volkskommissare
1938 Sommer Erstmalige Teilnahme einer sowjetischen Mannschaft an einer internationalen Sportveranstaltung der SASI, der III. Arbeiter-Olympiade in Antwerpen
1941-45 Maßnahmen zur Einbeziehung der Sportorganisationen in die Verteidigung des Landes: Wiedererrichtung der Bürgerkriegsinstitution Vsevobuč
Befehle der Ausweitung paramilitärischer Übungen zum Einsatz bei der Rehabilitation in Lazaretten und zur allgemeinen Wehrertüchtigung
Sportwettkämpfe und Fussballspiele gegen Mannschaften der Besatzungsarmeen








Sportorganisation

Nach der Auflösung der Sportinstitution VSEVOBUČ wurde 1923 der Oberste Rat für Körperkultur gegründet. Der Rat war dem Exekutivkomitee der Partei unterstellt. Ihm gehörten Vertreter der Volkskommissariate für Bildung, Gesundheit, Verteidigung, Inneres und Arbeit, des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, der Jugendorganisation Komsomol, der Gewerkschaften und des Moskauer Sowjets an. Die Zusammensetzung des Rats spiegelt die Vielzahl an Organisationen wider, die für den Sportbereich verantwortlich waren. Konkurrenz um Zielsetzung und Organisation der Sportbewegung und –politik kennzeichneten die 1920er Jahre. 1930 wurde der Rat für Körperkultur durch den Allunionsrat für Körperkultur abgelöst, der dem zentralen Exekutivkomitee der Sowjetunion unterstellt war. Diese Entwicklung korrespondierte mit dem allgemeinen Trend zur Zentralisierung durch die forcierte Industrialisierung und die Einführung des 1. Fünfjahresplans 1928. 1936 wurde der Allunionsrat durch das Allunionskomitee für Körperkultur und Sport ersetzt und dem Rat der Volkskommissare zugeordnet.

Max Penson, 1940

Produktionsgymnastik

Mit dem Anlaufen des Ersten Fünfjahresplans 1928 wurde die sogenannte Produktionsgymnastik zur Leistungssteigerung am Arbeitsplatz eingeführt. Die Produktionsgymnastik umfasste standardisierte Körperübungen und resultierte aus der sowjetischen Version der Arbeitswissenschaften. Während der 1920er Jahren waren an verschiedenen Instituten naturwissenschaftlich begründete Methoden zur Effizienzsteigerung erarbeitet worden, die Ergebnisse des Taylorismus und der Verhaltensforschung benutzten. Die Produktionsgymnastik beinhaltet die Auffassung, dass der Körper von außen nach innen beherrscht werden kann, d. h. dass sich die Körperkräfte durch äußere Bewegungsabläufe koordinieren lassen. Auch Elemente aus dem Revolutionstheater, im wesentlichen von Vsevolod Meyerhold, gingen in die Produktionsgymnastik ein.

Rodtschenko, 1936

GTO – Bereit zur Arbeit und Verteidigung der Sowjetunion

Das von der Jugendorganisation Komsomol – Kommunistischer Allunionsbund der Jugend ausgearbeitete und 1931 eingeführte Breitensportprogramm GTO (Gotov k Trudu i Oborone – Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung) basierte auf Leistung. Um das GTO-Sportabzeichen zu erlangen, mussten bestimmte Ergebnisse erzielt werden. Das GTO-Programm entsprach den beiden Sportmaximen Massovst´vo (Massenhaftigkeit) und Masterstvo (Meisterlichkeit), indem es möglichst viele Menschen zur sportlichen Aktivität anspornen sollte und die Grundlage zur Entdeckung von Talenten bildete.




Rekordmaschine Sowjetunion


1946-54 Beitritt der Sowjetunion zu den internationalen Fachverbänden aller wichtigen Sportarten
1930 3. April Einsetzung des Allunionsrats für Körperkultur als zentrale staatliche Behörde für die Organisation der Körperkultur und des Sports Durchsetzung des Produktionsprinzips als Organisationsprinzip für sämtliche Sportgruppen und Sportzirkel
1948 27. Dezember Resolution des ZK der Kommunistischen Partei zur Ausweitung des Dezember Massensports und zur Leistungssteigerung im Spitzensport mit dem Ziel, die Sowjetunion zur Weltmacht im Sport zu führen
1949 22. September Anordnung des Allunionskomitees über die Errichtung von Kindersportschulen
1951 Mai Gründung des Olympischen Komitees der UdSSR und Aufnahme in das IOC
1952 Juli/August Erstmalige Teilnahme an den Olympischen Spielen in Helsinki
1956 6.-16. August Finalkämpfe der ersten Spartakiade der Völker der UdSSR in Moskau (seit 1959 im Vierjahresrhythmus jeweils im Jahr vor den Olympischen Sommerspielen)
22. Oktober Anordnung des Allunionskomitees für Körperkultur und Sport zur Einführung der Pausengymnastik in der Produktion
1959 19. April Ablösung des Allunionskomitees für Körperkultur und Sport durch den Verband der Sportgesellschaften und Sportorganisationen der UdSSR
1961 1. Januar Verordnung über die Errichtung von Jugendsportschulen
1962 Gründung des ersten Sportinternats in Taschkent
1965 1. Januar Neue Sportklassifikation für den Leistungssport (regelmäßige Überprüfung alle vier Jahre)
1968 1. Oktober Ablösung des Verbandes der Sportgesellschaften und Sportorganisationen durch das Allunionskomitee für Körperkultur und Sport beim Ministerrat der UdSSR (Sportministerium)
1972 1. März Neufassung des GTO-Ertüchtigungsprogramms, das erstmalig die gesamte Bevölkerung der UdSSR im Alter von 10 bis 60 Jahren erfasst
1980 Die USA und 64 weitere westliche Staaten nehmen nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan nicht an den Olympischen Sommerspielen in Moskau teil
1984 Die Sowjetunion und 14 weitere Staaten nehmen mit der Begründung, die Sicherheit der Athleten sei nicht gewährleistet, nicht an den Olympischen Sommerspielen in Los Angeles teil








Leistungssport

1934 wurde der Titel „Verdienter Meister des Sports“ eingeführt, um individuelle Höchstleistungen entsprechend ehren zu können. Die Hinwendung zum Leistungsprinzip fand sich analog in der Sportbewegung. Der Fokus der sportpolitischen Maßnahmen wurde auf den Leistungssport gelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat die Sowjetunion den internationalen Fachverbänden aller wichtigen Sportarten bei. 1949 begann die Einrichtung von Kindersportschulen. 1952 nahm die UdSSR erstmals an den Olympischen Sommerspielen in Helsinki teil und gewann 22 Gold-, 30 Silber- und 19 Bronzemedaillen. Nach der Olympiade 1980 in Moskau begann die Phase des Niedergangs des hoch subventionierten staatlichen Erfolgskonzepts.

Medaillenspiegel